Der Abschiedsbrief

Es ist mir bewusst, dass ich euch allen eine Antwort schulde. Ihr werdet euch wahrscheinlich immer wieder diese eine Frage stellen „Warum?“ Je öfter ihr euch diese Frage stellt, desto weniger Sinn werdet ihr in ihr finden. Ihr werdet nicht schlau werden. Möglicherweise werdet ihr euch fragen, was ihr getan haben könntet, um zu verhindern, was hier soeben geschehen ist.

Liebe Agnes, kannst du dich noch erinnern, als wir am Translationszentrum saßen, im zweiten Stock und du mich fragtest, ob das der Ort sei, an dem bei einem unserer vorhergehenden Besuchen diese große, tote Spinne gehangen war. Ich wusste es nicht. Du meintest, sie habe sich ein Stockwerk über uns befunden. Ich wusste es immer noch nicht. Wir sprachen über dieses und jenes, als ich dich ansah und mir innerlich die Frage stellte, ob bei dir alles in Ordnung wäre. Dann bedrängte mich dieser Gedanke so sehr, dass ich ihn aussprach und dich fragte, ob bei dir alles in Ordnung wäre. Du fragtest mich überrascht, „Wieso“? – „Du siehst so besorgt aus“ bemerkte ich. Da sagtest du, du hättest darüber nachgedacht, was ich dir letzte Woche erzählt hatte. Du machtest eine Pause und ich sah, wie dir Tränen in die Augen stiegen.

Die Woche davor waren wir beide in einem völlig überfüllten U-Bahn-Abteil nach Hause gefahren, beide in dieselbe Richtung. Damals wussten wir noch nicht, dass wir nicht weit voneinander wohnen. Das haben wir beide erst zwei Wochen vor jenem Tag erfahren, als wir uns zufällig darüber unterhalten hatten, wo wir denn eigentlich wohnen. „In welche Richtung musst du“? Habe ich dich gefragt. „In Richtung Westbahnhof“ – „Cool“, habe ich geantwortet, „ich muss zur Gumpendorfer Straße“. Du hast mich erstaunt angesehen und gesagt, „da wohnen wir eh gleich in der Nähe! Ich wohne im 6. Bezirk!“ Ich habe gesagt, „Ich wohne im 5.“ Jedenfalls waren wir in diesem U-Bahn-Abteil, das so überfüllt war wie eine unterdurchschnittlich ausgestattete Legehennenfabrik – was mir überhaupt nicht schmeckte, da mir Menschenmassen ein Gräuel sind. „Du warst letzten Freitag nicht in Deutsch“. Mit diesen Worten hast du mich fragend angesehen. Vielleicht hast du etwas geahnt, bevor ich die Worte aussprach. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hattest du die Ahnung einer Ahnung, wolltest sie aber nicht als die Realität anerkennen. Aus Selbstschutz womöglich. Ich könnte meine Theorien noch weiterspinnen, doch wozu? „Ich war am Wochenende im Krankenhaus“ bemerkte ich emotionslos und fast wie nebenbei. „Wieso“? – „Ich wäre fast gestorben. Wenn Michael mir nicht das Leben gerettet hätte“. Michael. Du hast mir jeden Tag das Leben gerettet, ohne es zu wissen. Du kannst getrost sein, dass ich es niemals so lange ohne dich geschafft hätte. Du gabst mir einen guten Grund, Tag für Tag aufzustehen und es zu versuchen. Du kannst dich sicher noch an unsere zahlreichen Abende erinnern, an denen ich sinnloserweise versuchte, gegen dich und den Pinguin – der Pinguin war die Spielfigur unseres dritten Mitspielers, dem Computer – in Monopoly zu gewinnen. Du hast mich immer lachend gefragt, ob ich denn wieder eine Runde Monopoly mit dir spielen wolle. Ich habe immer „ja“ gesagt und es immer wieder versucht, auch wenn ich immer wieder aufs Neue verlor. „Wieso bist du immer so zickig“, fragtest du mich während des Spiels, wenn ich missmutig den Würfel auf das Spielbrett knallte, weil mein Konto mal wieder überzogen war und meine Hotels von der Bank eingezogen worden waren. Meistens gab ich auf, bevor das Spiel beendet war. „Du musst lernen, zu verlieren“, tadeltest du. „Ich habe in meinem Leben schon so vieles verloren“, meinte ich schmollend, warf mich auf das Bett und vergrub meinen Kopf im Kissen.

„Was ist denn passiert“? Hast du mich schockiert gefragt, als meine Gedanken von Michael zu dir in die U-Bahn zurückkehrten. „Ich hatte eine Überdosis Schlaftabletten geschluckt und mir danach eine Plastiktüte um den Kopf geschnürt.“

„Was ist eigentlich passiert, nachdem du in die Wohnung kamst?“ fragte ich Michael aus Neugierde.

„Ich kam nach Hause und die ganze Wohnung war dunkel. Du warst nicht da, also dachte ich, du seist spazieren gegangen“ – „So spät am Abend?“ Du zucktest mit den Schultern, „wieso auch nicht?“ Du führtest deine Ausführungen weiter, „jedenfalls hörte ich plötzlich ein Geräusch, das aus dem Badezimmer zu kommen schien“ – „Ein Geräusch? Wie war das möglich? Ich war doch bewusstlos!“ – „Ich weiß es auch nicht. Vielleicht war es auch nur so etwas wie Intuition. Guter Gott, ich war so froh, dass ich früher von Martin nach Hause gekommen bin. Eigentlich wollten wir uns noch gemeinsam >Avatar< ansehen und der dauert normalerweise drei Stunden. Und gottseidank war die Haustüre nicht verschlossen, denn sonst hätte ich ja nicht einmal die Wohnung betreten können“. Ich war an diesem Tag, wie so oft, im Besitz unseres einzigen Haustürschlüssels gewesen, weil ich normalerweise früher als du nach Hause kam. Ich gab zu, das waren viele Zufälle auf einmal. „Ich habe dich sofort aus der Dusche in das Wohnzimmer gezerrt und dich in eine stabile Seitenlage gebracht. Du hast gewimmert und ich habe sofort die Rettung verständigt.“ – „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern“, meinte ich. „Du hast mir so einen Schrecken eingejagt“, sagtest du.

Danach muss ich das Bewusstsein verloren haben. Ich wachte in der Intensivstation des Krankenhauses auf. Ich war verkabelt wie ein Roboter im Anfangsstadium. Für alle Fälle wurde ich intravenös mit irgendeiner Flüssigkeit versorgt und meine Herzfrequenz wurde unter die Lupe genommen. Ich bin wieder eingeschlafen und immer wieder aufgewacht, da ich aufgrund der Magensonde – die man mir freundlicherweise in meinem bewusstlosen Zustand gesetzt hatte – immer wieder eine tiefschwarze Brühe – ihres Zeichens Aktivkohle – erbrach. Am nächsten Tag langweilte ich mich zutiefst und hätte am Liebsten das Weite gesucht, doch dies war aufgrund meiner erhöhten Herzfrequenz ein Ding der Unmöglichkeit. Also musste ich mein Dasein wohl oder übel in einem unbequemen Krankenbett, das dank einer untereifrigen Krankenschwester übersät mit meinem Erbrochenen war, fristen. Wenigstens wurde ich die Magensonde los, da ich mich heftigst über Schmerzen im Bereich meiner Speiseröhre beklagte. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass diese durch meine Nase in den Magenraum reichte. Wäre ich bei Bewusstsein gewesen, hätte ich aufs Heftigste gegen dieses Ding in meinem Körper protestiert.

Zurück zu unserem Gespräch in der U-Bahn. Du schütteltest den Kopf und meintest „Aber das muss doch total belastend für das Umfeld sein“. In meinem Inneren war ich erzürnt. Nicht, dass ich deinen Gedankengang nicht hätte nachvollziehen können, ganz im Gegenteil. Ich konnte mich gut in deine Lage versetzen. Bloß konnte ich mich besser in meine Lage versetzen.

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