Freiheit

Es gibt wahrscheinlich einen Grund, warum „Freiheit“ dem Wort „Frechheit“ zumindest in der Form gleicht. Warum ich das Wort abgrundtief hasse – nicht die Denotation, denn die tut mir leid, die kann nichts dafür – sondern die Konnotation und die völlig falsche Anwendung des Wortes, werde ich zugleich erläutern.

Freiheit wird laut Duden definiert als:

  1. Zustand, in dem jemand von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwang oder Last empfundenen Bindungen oder Verpflichtungen frei ist und sich in seinen Entscheidungen o.Ä. nicht [mehr] eingeschränkt fühlt; Unabhängigkeit, Ungebundenheit
  2. Möglichkeit, sich frei und ungehindert zu bewegen; das Nichtgefangensein

Ich behaupte, so etwas wie Freiheit gibt es nicht.

ad 2.):

In Österreich kann man sich nur frei und ungehindert bewegen, solange man sich innerhalb der Staatsgrenzen aufhält, sich auf keinem Privatgrundstück befindet und nur soweit einen die eigenen Beine tragen. Sobald man größere Distanzen bewältigen will, braucht man entweder einen Führerschein oder eine gültige Fahrkarte. Ich behaupte, bereits diese Tatsachen schränken jemanden in seiner persönlichen Freiheit ein, denn nimmt man sich die Freiheit heraus, entweder das eine oder andere NICHT zu besitzen, führt das möglicherweise zu dem Gegenteil vom „Nichtgefangensein“, nämlich dem „Gefangensein“ und das widerspricht dem Konzept von „Freiheit“ nun völlig.

Will man sich allerdings ÜBER die Landesgrenzen hinweg bewegen, wie beispielsweise in die Schweiz oder andere Nicht-EU-Länder, muss man zwangsweise einen Reisepass bei sich haben. Hier geht die Freiheit schon wieder baden.

Was ist nun mit der ersten Definition? Man wird geboren und bekommt eine Geburtsurkunde ausgestellt. Freiheit? Nein. Man entscheidet nicht, ob man geboren werden will, man entscheidet nicht, wie man heißen will, wo man wohnen will, ob man getauft werden will oder nicht und die ersten 17 Jahre seines Lebens hat man sowieso kein Recht auf Freiheit, das bestimmen schon die Erziehungsberechtigten. Ist man dann endlich alt genug für die Freiheit, muss man arbeiten gehen und Steuern zahlen. Ist das Freiheit? Nein. Es gibt keinen Weg, keine Steuern zahlen zu müssen. Nimmt man sich die Freiheit heraus, KEINE Steuern zu zahlen, wird das als „Steuerhinterziehung“ betitelt und man wandert wohin? Richtig, ins Gefängnis. Man kann natürlich auch studieren gehen, aber ist das Freiheit? Nein. Für ein Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel – da wären wir wieder am Anfang meiner Theorie – braucht man sowohl einen Zettel vom Meldeamt als auch eine Bestätigung des Bezuges der Familienbeihilfe. Ist das Freiheit? Nein. Damit ich überhaupt studieren kann, brauche ich entweder ein Reifezeugnis oder eine bestandene Studienberechtigungsprüfung. Ist das Freiheit? Nein! Was, wenn ich beschließe, dass es die Regierung rein gar nichts angeht, wo ich wohne und wo ich verkehre? Welche Bücher ich mir ausborge? Wo und ob ich studiere? Ohne Meldezettel funktioniert auch in der Bibliothek rein gar nichts. Will man also Freiheit, absolute Freiheit, vernichte man am Besten alle seine Dokumente, ziehe in eine fremde Stadt und lebe auf der Straße, denn auch in ein Hotel kann man nicht ohne Ausweis und/oder Kreditkarte einchecken. Scheiß auf die Freiheit.

Scheiß auch auf die Redefreiheit.

Wieder eine Definition aus dem Duden:

„zum Grundrecht der Meinungsfreiheit gehörende Freiheit, jederzeit und ohne Gefahr öffentlich reden und seine Meinung sagen zu können“

Darf man das? Nein. Nehmen wir an, ich wäre der Überzeugung, der Holocaust sei nie geschehen oder es hätte niemals so viele Tote gegeben, wie generell behauptet würde. Würde ich das öffentlich behaupten, ist ein Gefängnisaufenthalt keine große Überraschung. Das würde mich zu einem politischen Gefangenen machen, was bedeutet:

„eine Person, die aufgrund politischer oder weltanschaulicher Gründe in Haft ist.“ (Wikipedia)

Redefreiheit in Österreich existiert nur, wenn man die richtige Meinung hat. Was die richtige Meinung ist? Nun, das wird in den Medien schon vorgegeben. Dann auch in den Schulen, in Zeitungen und an den Universitäten. Gruppendruck besorgt normalerweise den Rest oder die immerwährende latente Angst, dass man seine Arbeit oder Freiheit verliert, wenn man ausspricht, was man sich eigentlich denkt.

Redefreiheit in Österreich existiert nur für Menschen, die glauben, dass Immigration in Ordnung ist. Für jene, die glauben, dass es nicht in Ordnung ist, Frauen schlecht zu behandeln, außer man ist ein Araber oder Schwarzafrikaner (Und hinter mir die Sintflut) Wenn man ein Feminist ist und gleichzeitig Frauen dazu zwingt, zu arbeiten. Wenn man Menschen dazu nötigt, eine politisch korrekte Redensweise oder Schreibweise annehmen zu müssen, auch wenn man anderer Meinung ist und ein Nichtbeachten dieser Konventionen einem Regelverstoß gleicht, der wenigstens mit Rotstift geahndet wird. Wenn man alles und jeden akzeptiert, selbst die Mehr-als-Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung über Menschen mit keiner Behinderung, was Arbeitsplätze, Kinositze etc. betrifft.  Wenn man Homosexualität befürwortet und es als gottgegeben hinnimmt, dass gegen Familien diskriminiert wird. Wenn man nichts und niemandem widerspricht und sich niemals seine eigene Meinung bildet und man, wenn man nach seiner eigenen Meinung gefragt wird, brav wiedergibt, was einem seit jeher eingetrichtert wurde. Brav.

Der Abschiedsbrief

Es ist mir bewusst, dass ich euch allen eine Antwort schulde. Ihr werdet euch wahrscheinlich immer wieder diese eine Frage stellen „Warum?“ Je öfter ihr euch diese Frage stellt, desto weniger Sinn werdet ihr in ihr finden. Ihr werdet nicht schlau werden. Möglicherweise werdet ihr euch fragen, was ihr getan haben könntet, um zu verhindern, was hier soeben geschehen ist.

Liebe Agnes, kannst du dich noch erinnern, als wir am Translationszentrum saßen, im zweiten Stock und du mich fragtest, ob das der Ort sei, an dem bei einem unserer vorhergehenden Besuchen diese große, tote Spinne gehangen war. Ich wusste es nicht. Du meintest, sie habe sich ein Stockwerk über uns befunden. Ich wusste es immer noch nicht. Wir sprachen über dieses und jenes, als ich dich ansah und mir innerlich die Frage stellte, ob bei dir alles in Ordnung wäre. Dann bedrängte mich dieser Gedanke so sehr, dass ich ihn aussprach und dich fragte, ob bei dir alles in Ordnung wäre. Du fragtest mich überrascht, „Wieso“? – „Du siehst so besorgt aus“ bemerkte ich. Da sagtest du, du hättest darüber nachgedacht, was ich dir letzte Woche erzählt hatte. Du machtest eine Pause und ich sah, wie dir Tränen in die Augen stiegen.

Die Woche davor waren wir beide in einem völlig überfüllten U-Bahn-Abteil nach Hause gefahren, beide in dieselbe Richtung. Damals wussten wir noch nicht, dass wir nicht weit voneinander wohnen. Das haben wir beide erst zwei Wochen vor jenem Tag erfahren, als wir uns zufällig darüber unterhalten hatten, wo wir denn eigentlich wohnen. „In welche Richtung musst du“? Habe ich dich gefragt. „In Richtung Westbahnhof“ – „Cool“, habe ich geantwortet, „ich muss zur Gumpendorfer Straße“. Du hast mich erstaunt angesehen und gesagt, „da wohnen wir eh gleich in der Nähe! Ich wohne im 6. Bezirk!“ Ich habe gesagt, „Ich wohne im 5.“ Jedenfalls waren wir in diesem U-Bahn-Abteil, das so überfüllt war wie eine unterdurchschnittlich ausgestattete Legehennenfabrik – was mir überhaupt nicht schmeckte, da mir Menschenmassen ein Gräuel sind. „Du warst letzten Freitag nicht in Deutsch“. Mit diesen Worten hast du mich fragend angesehen. Vielleicht hast du etwas geahnt, bevor ich die Worte aussprach. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hattest du die Ahnung einer Ahnung, wolltest sie aber nicht als die Realität anerkennen. Aus Selbstschutz womöglich. Ich könnte meine Theorien noch weiterspinnen, doch wozu? „Ich war am Wochenende im Krankenhaus“ bemerkte ich emotionslos und fast wie nebenbei. „Wieso“? – „Ich wäre fast gestorben. Wenn Michael mir nicht das Leben gerettet hätte“. Michael. Du hast mir jeden Tag das Leben gerettet, ohne es zu wissen. Du kannst getrost sein, dass ich es niemals so lange ohne dich geschafft hätte. Du gabst mir einen guten Grund, Tag für Tag aufzustehen und es zu versuchen. Du kannst dich sicher noch an unsere zahlreichen Abende erinnern, an denen ich sinnloserweise versuchte, gegen dich und den Pinguin – der Pinguin war die Spielfigur unseres dritten Mitspielers, dem Computer – in Monopoly zu gewinnen. Du hast mich immer lachend gefragt, ob ich denn wieder eine Runde Monopoly mit dir spielen wolle. Ich habe immer „ja“ gesagt und es immer wieder versucht, auch wenn ich immer wieder aufs Neue verlor. „Wieso bist du immer so zickig“, fragtest du mich während des Spiels, wenn ich missmutig den Würfel auf das Spielbrett knallte, weil mein Konto mal wieder überzogen war und meine Hotels von der Bank eingezogen worden waren. Meistens gab ich auf, bevor das Spiel beendet war. „Du musst lernen, zu verlieren“, tadeltest du. „Ich habe in meinem Leben schon so vieles verloren“, meinte ich schmollend, warf mich auf das Bett und vergrub meinen Kopf im Kissen.

„Was ist denn passiert“? Hast du mich schockiert gefragt, als meine Gedanken von Michael zu dir in die U-Bahn zurückkehrten. „Ich hatte eine Überdosis Schlaftabletten geschluckt und mir danach eine Plastiktüte um den Kopf geschnürt.“

„Was ist eigentlich passiert, nachdem du in die Wohnung kamst?“ fragte ich Michael aus Neugierde.

„Ich kam nach Hause und die ganze Wohnung war dunkel. Du warst nicht da, also dachte ich, du seist spazieren gegangen“ – „So spät am Abend?“ Du zucktest mit den Schultern, „wieso auch nicht?“ Du führtest deine Ausführungen weiter, „jedenfalls hörte ich plötzlich ein Geräusch, das aus dem Badezimmer zu kommen schien“ – „Ein Geräusch? Wie war das möglich? Ich war doch bewusstlos!“ – „Ich weiß es auch nicht. Vielleicht war es auch nur so etwas wie Intuition. Guter Gott, ich war so froh, dass ich früher von Martin nach Hause gekommen bin. Eigentlich wollten wir uns noch gemeinsam >Avatar< ansehen und der dauert normalerweise drei Stunden. Und gottseidank war die Haustüre nicht verschlossen, denn sonst hätte ich ja nicht einmal die Wohnung betreten können“. Ich war an diesem Tag, wie so oft, im Besitz unseres einzigen Haustürschlüssels gewesen, weil ich normalerweise früher als du nach Hause kam. Ich gab zu, das waren viele Zufälle auf einmal. „Ich habe dich sofort aus der Dusche in das Wohnzimmer gezerrt und dich in eine stabile Seitenlage gebracht. Du hast gewimmert und ich habe sofort die Rettung verständigt.“ – „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern“, meinte ich. „Du hast mir so einen Schrecken eingejagt“, sagtest du.

Danach muss ich das Bewusstsein verloren haben. Ich wachte in der Intensivstation des Krankenhauses auf. Ich war verkabelt wie ein Roboter im Anfangsstadium. Für alle Fälle wurde ich intravenös mit irgendeiner Flüssigkeit versorgt und meine Herzfrequenz wurde unter die Lupe genommen. Ich bin wieder eingeschlafen und immer wieder aufgewacht, da ich aufgrund der Magensonde – die man mir freundlicherweise in meinem bewusstlosen Zustand gesetzt hatte – immer wieder eine tiefschwarze Brühe – ihres Zeichens Aktivkohle – erbrach. Am nächsten Tag langweilte ich mich zutiefst und hätte am Liebsten das Weite gesucht, doch dies war aufgrund meiner erhöhten Herzfrequenz ein Ding der Unmöglichkeit. Also musste ich mein Dasein wohl oder übel in einem unbequemen Krankenbett, das dank einer untereifrigen Krankenschwester übersät mit meinem Erbrochenen war, fristen. Wenigstens wurde ich die Magensonde los, da ich mich heftigst über Schmerzen im Bereich meiner Speiseröhre beklagte. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass diese durch meine Nase in den Magenraum reichte. Wäre ich bei Bewusstsein gewesen, hätte ich aufs Heftigste gegen dieses Ding in meinem Körper protestiert.

Zurück zu unserem Gespräch in der U-Bahn. Du schütteltest den Kopf und meintest „Aber das muss doch total belastend für das Umfeld sein“. In meinem Inneren war ich erzürnt. Nicht, dass ich deinen Gedankengang nicht hätte nachvollziehen können, ganz im Gegenteil. Ich konnte mich gut in deine Lage versetzen. Bloß konnte ich mich besser in meine Lage versetzen.

Misfits oder Opfer der Gesellschaft?

Der nach Skandalen lüsternde Durchschnittsmensch schlägt das Boulevardblatt auf, um sich an Artikeln wie „Rachsüchtiger Liebhaber ersticht schwangere Frau“ zu ergötzen. Mit einer gewissen Schadenfreude verfolgt er im Fernsehen mit, wie dem Übeltäter öffentlich der Prozess gemacht wird und schüttelt mit gespielter Entrüstung und einer gewissen Portion Abgestumpftheit den Kopf.

Mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit vertraut er dann darauf, dass der rachsüchtige Liebhaber dingfest gemacht und hinter schwedische Gardinen verfrachtet wird. Daran, dass dieser schuldig ist, zweifelt er angesichts der Tatsachen keine Sekunde und über die Hintergründe zerbricht er sich nur in den seltensten Fällen den Kopf.

Dass der rachsüchtige Liebhaber einst ein lüsternder Durchschnittsmensch war, der sein Boulevardblatt auf der Suche nach Artikeln wie „Rachsüchtiger Liebhaber ersticht schwangere Frau“ aufschlug, kommt niemals ans Tageslicht.

Ein neuer Tag bringt einen neuen Skandal. Der kalte Kaffee von gestern interessiert heute kein Schwein mehr.

Aus den Augen ist aus dem Sinn.

Die Mauer

Eigentlich wurdest du gerade erst geboren. Man hat dich soeben aus dem heimeligen Mutterleib hinaus in die kalte Welt geworfen.

Du hast deinen ersten Schrei getan. Mit diesem ersten Schrei, dem ersten Schritt in die neue Welt, hast du eine Mauer hinter dir aufgebaut.

Diese Mauer, die dich von deiner pränatalen Vergangenheit trennt, kannst du nicht mehr einreißen. Dein Weg kann nur mehr vorwärts gehen

In der Ferne vernimmst du gerade noch die Umrisse einer zweiten Mauer. Diese symbolisiert das Ende deiner Reise. Hast du die Mauer einmal erreicht, wird es keinen Weg zurück und auch keinen mehr nach vorne geben.

Du brauchst gar nicht erst versuchen, die Mauern einzureißen, es wird dir nicht gelingen! Du kannst weder in den Mutterleib zurück, noch kannst du dem Tod entrinnen!

Trotzig wirst du entgegnen, dass keiner dich gefragt hat, ob du in diese Welt willst, und dabei geht es doch um dein Leben. Denn schließlich, so denkst du, gehe ich, auch wenn viele dieselbe Richtung einschlagen, denn Weg doch alleine.

Und seit du begonnen hast, dich mit deiner Mortalität zu beschäftigen, hast du ständig dieses Ticken im Ohr. Dieses Ticken ist wie ein Tinnitus. Du wirst es nicht mehr los. Wenn du nachts in deinem Bett liegst, um zum Sklaven des Schlafes zu werden, hält es dich wach. Wenn du die Straße entlanggehst, scheint es dich in seiner Beharrlichkeit höhnisch auszulachen, wie um auf die Mauer hinzuweisen, die mit jedem Schritt, den du gehst, ein Stückchen näher rückt. Es ist die Uhr der Zeit, die den Countdown deines Lebens symbolisiert.

Als du jung warst, hattest du geglaubt, die Zeit sei unendlich. Du wolltest sie totschlagen, sie vertreiben, du wolltest die Welt sehen, Karriere machen, eine Familie gründen und den kleinen und großen Problemen, die sich einem tagtäglich stellen, aus dem Weg gehen. Du warst naiv, damals. Du meintest, ewig jung zu bleiben und zerbrachst dir nicht den Kopf über unwichtige Details wie die Zeit oder gar den Tod.

Als die Tage und Jahre vergingen, deine Haut nicht mehr so straff wie früher war und das Haar auf deinem Haupte kärger wurde, schwelgtest du in Gedanken und Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Eben stecktest du ja noch in den Kinderschuhen. Du zähltest nicht mehr als sieben Jahre und saßest lachend auf einem Steine in der warmen Mittagssonne. Eben würde deine Mutter- Gott hab sie selig- dich zum Mittagessen rufen. Ohne einen Gedanken an das Morgen zu verschwenden, würdest du das liebevoll zubereitete Essen zu dir nehmen. Damals, als du noch essen konntest, was du wolltest, ohne zuzunehmen…

Die Mauer, die heute gefährlich nahe vor dir steht, schien damals noch in unerreichbarer Nähe.

Die Uhr auf deiner Schulter wirft dir auf deinem ohnehin schon schweren Weg noch Steine zwischen die Beine. Da du alt und nicht mehr so gut auf deinen Füßen bist, stolperst du und fällst. Die Uhr auf deiner Schulter lacht höhnisch. Sie lacht und ihr Lachen schwillt an und wird zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der dir durch Mark und Pein dringt. Du hältst beide Ohren zu und versuchst, das Lachen zu ignorieren, doch vor deinem inneren Auge siehst du die Uhr schon die Messer wetzen.

Auf dem Boden liegend fragst du dich verzweifelt, was mit dir geschehen wird, sobald du die Mauer erreicht hast.

Du weißt, dass du den Tod nicht vermeiden kannst. Du musst dich langsam damit anfreunden, dass du nicht unsterblich bist. Du schüttelst den Kopf, wie um den Gedanken zu vertreiben. Du willst nicht daran denken. Das Thema ist dir unangenehm. Es macht dir Angst. Du hast Angst vor dem Ungewissen. Angst vor dem, was danach kommt.

Bei dir denkst du dann, der Mensch hat so vieles erreicht. Er kann das Wetter vorhersagen, er kann in wenigen Stunden von einem Kontinent zum anderen reisen, er kann sich fortbewegen, ohne sich auch nur im geringsten bewegen zu müssen, er hat entlegene Orte bereist und Krankheiten kuriert, doch…niemand hat je herausgefunden, was sich hinter der Mauer befindet. Wer einmal auf der anderen Seite war, ist nie wieder zurückgekommen.

Betrübt denkst du an all die materiellen Güter, die du im Laufe deines Lebens gesammelt und lieb gewonnen hast. Natürlich musst du alles zurücklassen. Deine gesamten weltlichen Schätze werden dir dort, hinter der Mauer, nichts bringen.

Den Tränen nahe pflückst du eine verwelkte Rose. Auch die Rose entstand einst aus einem Samen, genau wie du.

Als die Rose in voller Blüte stand, hatte sie Insekten durch ihren Duft betört und die Menschen durch ihr Aussehen glücklich gemacht. Die Blüte des Lebens- geht es dir durch den Kopf. Du fragst dich, ob jedes Lebewesen und jede Pflanze auf der Erde eine Aufgabe in diesem Leben hat. Dies führt dich zu der Frage, welche wohl deine Aufgabe war. Du gehst noch einen Schritt weiter und erschrickst bei dem Gedanken, dein Dasein könnte keinen Zweck erfüllen  und du seiest lediglich das Produkt eines tierischen Triebes.

Dieser Gedanke jagt dir höllische Angst ein. Er vermittelt dir einen Sinn von Unsinnigkeit und lässt dich melancholisch werden.

Nun liegt sie da, die Rose in deiner Hand. Es ist kein Leben mehr in ihr. Die Rose macht dich traurig. Zeigt sie dir doch, dass alles auf Erden vergänglich ist. Behutsam legst du sie zurück auf die Erde.

Viele Leute, denkst du, leben um zu arbeiten. Sie haben einen konkreten Tagesablauf, weil sie Angst vor der Veränderung haben, oder sie die Routine liebgewonnen haben wie einen alten Freund. Diese Leute, denkst du, haben das Ticken der Uhr auf ihrer Schulter vergessen oder es bis jetzt einfach erfolgreich ignoriert.

Doch irgendwann  werden sie in den Spiegel sehen und feststellen, dass sie dreißig Jahre älter geworden sind. Betäubt vor Schock werden sie feststellen, dass sie, anstatt ihr Leben zu leben und die kostbare Zeit auf der Erde zu genießen, sie an völlig weltliche Dinge verschwendet haben. Dir ist es doch genauso ergangen.

Du startest einen weiteren Versuch, die Zeit auszutricksen, drehst dich mitten auf der Straße um und läufst rückwärts. Doch sogar wenn du rückwärts läufst, läufst du eigentlich nach vorne. Die Mauer kommt bedrohlich nahe. Außer Atem merkst du, wie deine Lebenssäfte langsam versickern. Die Mauer befindet sich nun direkt vor dir. Du nimmst einen letzten Atemzug, saugst deine Lungen voll mit Leben. Dann brichst du in dich zusammen und fällst zu Boden. Du denkst nicht mehr. Du siehst und fühlst und hörst nichts mehr. Die Uhr ist stehen geblieben. Langsam steigt dein Geist aus deiner toten, weltlichen Hülle. Du siehst dich da unten auf der Straße liegen, dein starrer Blick richtet sich auf die Uhr in deiner Hand.

Jemand berührt dich sanft und geleitet dich hinter die Mauer…

(originally posted on 17/11/2009)

 

Der Einkaufszettel

Alle Jahre wieder leitet der Technoremix eines bekannten Weihnachtsliedes offiziell die stillste Zeit des Jahres und die damit eröffnete Jagd auf das perfekte Weihnachtsgeschenk ein.

Da werfen gestresste Menschen in einem Anflug von Winterdepression Pakete mit zerbrechlichem Inhalt  durch die Luft und versuchen, sich in dem Menschensalat, der nach Materiellem drängt, keine blauen Flecken zu holen.

Inmitten dieses Weihnachtstrubels schlendert ein kleiner Junge durch den Supermarkt, die ellenlange Einkaufsliste seiner Mutter halb zerknüllt in der einen Hand haltend und mit der anderen unbesorgt einen leeren Einkaufswagen vor sich hin bugsierend, den er kaum überragt.

Unbeschwert pfeift er laut und falsch zu der Melodie des Weihnachtsliedes, das soeben aus überdimensionalen Lautsprechern das weihnachtliche Shoppingohr zwangsbeglückt und erfreut sich an dem Duft von Lebzelten und Tannennadeln.

Offizielle Herren in ebenso offiziellen Anzügen, aus denen dicke Portemonnaies ragen, haben vor Eile hochrote Köpfe und drängen sich an dem Knaben vorbei, nicht ohne ihn und seine Unbekümmertheit mit hektischer Verachtung zu strafen.

Das Kind besinnt sich seiner ursprünglichen Aufgabe und streicht den Zettel in seiner Hand glatt, um langsam und stockend halblaut vorzulesen „Eine Dose Frieden“.

Das Papier wird wieder gefaltet und verschwindet in der Hosentasche des kleinen Einkäufers. Dieser setzt sich daraufhin in Bewegung, um Ausschau nach dem Frieden zu halten und wendet seinen Kopf, währenddessen er den viel zu großen Einkaufswagen einen Gang nach dem anderen auf- und abschiebt, nach allen Seiten, wird jedoch sehr zu seinem Leidwesen nicht fündig.

In diesem unübersichtlichen Meer von Regalen macht sich in dem Jungen rasch Ungeduld breit. Deshalb wendet er sich an einen autoritär wirkenden Mann in einem langen, weißen Kittel und einem bis an den Boden ragenden, glänzendem weißem Bart, dessen Brille aus dem vorigen Jahrtausend ihm beinahe von der langen, spitzen Nase fällt.

Das Kind mustert den Mann, der ihm beinahe den Rücken kehrt, mit großen Augen. Sein Blick fällt auf das Schild an dessen Kittel. „Filialleiter Gottfried“ steht hier in offiziellen Buchstaben. Daneben hat jemand mit zittriger Hand das kaum lesbare Wort „pensioniert“ gekrakelt.

Als habe er den Blick des Jungen gespürt, murmelt der Mann in monotonem Tonfall, ohne seinen wachsamen Blick vom regen Geschehen im Supermarkt zu wenden, „Darf ich dir irgendwie behilflich sein“? Er sagt es, als habe er diesen Satz schon tausendmal heruntergeleiert und noch niemals seinen Sinn verstanden.

„Ich hätte gerne eine Dose Frieden“ antwortet das Kind, währenddessen es noch immer an dem Manne hochsieht.

„Eine Dose Frieden“ Der Mann im weißen Kittel scheint aus seiner Teilnahmslosigkeit zu erwachen und schiebt mit seinem knorrigen Zeigefinger die Brille an ihre korrekte Position. Er wendet sich in die Richtung des Jungen und wiederholt erneut „Frieden“? als habe er sich verhört. Das Kind nickt vorsichtig. Der Mann hält eine Sekunde lang inne, als würde er überlegen und verschwindet danach hinter einer wie aus dem Nichts aufgetauchten Tür. Wenige Augenblicke später kehrt er zu dem verwunderten Jungen zurück.

Ein Hauch von Mitleid zeichnet sich auf den harten Gesichtszügen des Mannes ab. „Frieden ist ausverkauft. Tut mir leid. Die nächste Lieferung kommt erst am Donnerstag“. Der Knabe senkt traurig den Blick. „Ist nichts zu machen“. Der Mann zuckt hilflos mit den Schultern.

„Kann ich dir sonst noch einen Wunsch erfüllen“? fragt er den Knaben in seinem ursprünglichen Tonfall. Sein Unterton verrät, dass er keineswegs Lust dazu hat. „Ich suche nach Ehrlichkeit“ meint der Junge in kindlicher Unschuld. Der Mann im weißen Kittel bricht in schallendes Gelächter aus, so dass die Brille auf seiner Nase in rhythmischen Abständen auf und ab tanzt. „Da kannst du lange suchen, mein Junge“ Der Mann klopft dem verwirrten Knaben väterlich auf die Schulter. „Ehrlichkeit. Ha. Nach Ehrlichkeit hat schon lange Zeit niemand mehr gefragt. Die ist heutzutage Mangelware“. –„Wie steht es mit…“ Der Kleine scannt verzweifelt seine Liste, „wie steht es mit Freundlichkeit“? Der Mann im weißen Kittel zieht seine Mundwinkel in einem gescheiterten Versuch zu lächeln nach oben, deutet mit seinem knochigen Arm in eine unbekannte Richtung und murmelt kaum vernehmbar „Feinkostabteilung“. Daraufhin dreht er sich kopfschüttelnd am Absatz um und verschwindet erneut. „Feinkostabteilung“ wiederholt der Junge ungläubig und reiht sich hinter einer langen Schlange von Menschen ein, die hungrig nach Freundlichkeit sind.

Als er schlussendlich an der Reihe ist, gibt er seine Bestellung ab. „350 g Freundlichkeit. Fein geschnitten, bitte“. Die Mutter hatte dem Jungen eingeschärft, die Freundlichkeit sorgfältig zu portionieren, um das Wochenende im Hause erträglicher zu gestalten.  Diese war besonders vonnöten, wenn alle Tanten, Onkeln und sonstigen Verwandten, die sich zwangsweise einmal im Jahr die Ehre gaben und sich dessen durchaus bewusst waren, auf ein Gesprächsthema stießen, das den Weihnachtsfrieden und die damit verbundene Gesundheit der schon leicht angeschlagenen Senioren gefährden könnte.

Die Frau hinter dem Tresen händigt dem Jungen seine Bestellung aus und deutet ihm mit einem unwirschen Fingerzeig, Platz für die nächste Kundschaft zu machen. Dieser legt also die Freundlichkeit in seinen Einkaufswagen und wirft einen weiteren Blick auf seine Liste. „Menschlichkeit“.

In diesem hell erleuchteten Meer von Regalen, in dem ein Sonderangebot das andere jagt, sucht der Junge mit dem Einkaufswagen nach der Menschlichkeit. Gedankenverloren wandert er durch unbekannte Gänge und nimmt es kaum zur Notiz, dass das Licht mit der Zeit immer spärlicher wird. Erst, als er sich in pechschwarze Dunkelheit ummantelt wiederfindet, bekommt er es mit der Angst zu tun. Als sich seine Augen etwas an die furchterregende Schwärze gewöhnt haben, spekuliert der Knabe, dass er sich nun wohl in einem Lager verirrt haben müsse, denn hier war offensichtlich seit Jahren niemand mehr vorbeigekommen. Dies merkt man daran, dass der Staub am Fußboden schon knöchelhoch steht und auch die Nase dementsprechend oft zum Gruße auffordert.

Die Illusion von Tageslicht kehrt just in diesem Moment wieder zu dem Jungen zurück. Er kehrt und wendet sich nach allen Seiten um festzustellen, wer ihm so plötzlich diesen Gefallen getan hat, erspäht jedoch niemanden. Etwas irritiert, doch erneut beflügelt durch seine ursprüngliche Mission, bläst er Staub vom untersten Regal, vor dem er sich soeben positioniert hat, was zur Folge hat, dass ein ganzer Schwarm verärgerter Fledermäuse ihre Behausung verlässt.

Ganz hinten, dort zwischen den Spinnenweben, befindet sich die Menschlichkeit, die traurig auf jemanden wartet, der sie nach Hause mitnimmt. Das Kind wischt beinahe liebevoll den fingerdicken Staub von der Menschlichkeit und packt sie behutsam in den Einkaufswagen, gleich neben die Freundlichkeit.

Ein Blick auf seine Liste verrät ihm, dass bloß ein letztes Gut auf seiner Liste fehlt. „Liebe“

„Liebe wirst du hier, in meinem Supermarkt nicht finden, mein Junge“ ertönt plötzlich eine wohlbekannte, etwas monotone Stimme. Wie vom Blitz getroffen wendet sich das Kind in die Richtung des Sprechers und ist nicht wenig erstaunt, Filialleiter Gottfried vorzufinden. „Wo aber finde ich dann die Liebe?“ fragt der Einkäufer mit einer Mischung aus Neugierde und Ungeduld. „Wahrscheinlich nirgendwo. Sie ist viel zu wertvoll und noch dazu unverkäuflich“. Das Gesicht des Kindes zeigt deutliche Verzweiflung. „Aber wenn du sie wirklich finden willst“, beschwichtigt Filialleiter Gottfried, „dann beginnst du am Besten in dir selbst zu suchen. Es ist gar nicht so schwer“. Das Gesicht des Kleinen beginnt, sich aufzuhellen. „In diesem Sinne, ein frohes Weihnachtsfest“ So schnell, wie der Mann gekommen ist, ist er auch wieder verschwunden. Verwundert den Kopf schüttelnd, aber mit dem alten Anklang von Festivität, schiebt das Kind den Einkaufswagen zur Kassa.

autobiographie.

Man erzählt sich, in jener Nacht habe das Wetter verrückt gespielt. Die Wetterfee habe an den Bäumen gerüttelt und mit hinterhältigem Gelächter, das sich in der Form eines Gewitters äußerte, mit jenen die Straßen dekoriert, was so manchen Autofahrer, einen Durchschnittsmenschen, der unter normalen Umständen wohlgemerkt schlechte Emotionen gar nicht erst aufkommen lässt, zur Weißglut brachte. Jener Autofahrer hätten seine wertvolle Energie jedoch wesentlicheren Dingen widmen sollen, denn weder Weiß- noch Schwarzglut vermochten es, die Wetterfee (oder wollen wir sie Wetterhexe nennen?) zu besänftigen.

In jeder Nacht wurde ich gegen meinen Willen aus meiner gemütlichen Höhle vertrieben, so als würde jemand auf Gerechtigkeit pochen und mit einem vor Neid zitternden Zeigefinger, dessen zugehöriger Fingernagel zwangsläufig aufgrund von erzwungener Unterwürfigkeit des mächtig stolzen Fingernagelbesitzers und seiner Quelle unerschöpflichen Neides in dessen Darmtrakt umziehen musste, auf mich zeigen. Ich war einem Gericht ausgeliefert, dass es mir untersagte, mich zu etwaigen Vorwürfen zu äußern. Das Urteil stand fest, bevor man mit Zeigefingern auf mich oder die Idee von mir zeigte. Ich sollte dafür bestraft werden, dass ich die letzten neun Monate, einer Periode konstanten Wohlbefindes, einfach nur existierte.

Ein Gruppe von Ärzten und Krankenschwestern umringte das Bett einer jungen Frau, die sich im künstlichen Tiefschlaf befand. Der Gedanke an Schmerzen schien sie genauso zu quälen wie das sich anbahnende Unglück. Insgeheim hoffte sie, nie wieder aufzuwachen. Es war so weit. Die Gruppe von Ärzten und Krankenschwestern, denen man die Frustration darüber, zu dieser Stunde und bei diesem Wetter anwesend sein zu müssen, deutlich ansah, hatten alle auf das Signal gewartet. Es blieb jedoch aus. Ich wollte nicht schreien. Niemand stellte sich die Frage, ob ich leben wollte oder leben sollte.

Anfangs freute sich die Kaffeemaschine, dass sie vom Keller in die freundliche Wohnung umsiedeln durfte und endlich, endlich wieder ihrer Bestimmung nachgehen durfte. Sie konnte es kaum erwarten, endlich dieses wohlriechende, liebgewonnene Gebräu, die vollständige Erfüllung ihres Daseins, zu erzeugen. Sie liebte den Gesichtsausdruck der Menschen, das Lächeln, das erleichternde Seufzen, die einsetzende Entspannung nach einer frühmorgendlichen Tasse Kaffee und war stolz auf sich selbst. Doch an Tagen wie diesen wünschte sie sich nichts sehnlicheres, als wieder zurück in den Keller zu dürfen. Wie war sie doch überansprucht worden, dachte sie und rieb sich ihre schmerzenden Glieder. Die junge Frau, jene, mit dem elenden Gesichtsausdruck, jene, die ihre offensichtliche Überforderung mit dem neuen Menschen oder mit dem Leben im Allgemeinen im Kaffee zu ersäufen versuchte, war daran schuld. Wenn die Kaffeemaschine an das Kind dachte, das Kind! Überkamen sie fast mütterliche Gefühle. Obwohl sie selbst nie Kinder hatte, wohlgemerkt. Was wird bloß mit diesem Kind geschehen, fragte sie sich. Heute hatte sie miterlebt, wie die junge Frau auf dem kleinen Hocker vor dem Spiegel im Flur saß, den Ellbogen auf die kleine Kommode unter dem Spiegel stürzte und die Nummer ihrer Eltern wählte. Sie zitterte merklich und war kurz davor, in Tränen auszubrechen. “Hallo” begann sie mit verzagter Stimme. “Ich bin es. Marianne”. Den Rest des Gespräches konnte die Kaffeemaschine nur aufgrund Marianne’s Aussagen und den manchmal aufgebrachten Stimmen am anderen Ende des Leitung, die bis in die Küche drangen, deuten. “Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe” flehte die junge Frau, die sich Marianne nennt und fasste sich an die Stirn. Dieser Berg von Sorgen über das Kind und über die Welt, hatten beschlossen, auf ihrem Kopf Bauarbeiten durchzuführen, wogegen – die Kaffeemaschine rollte bei diesem Gedanken die Augen – natürlich Kaffee die Lösung war. “Papa, ich schaffe das nicht. Ich habe keine Nerven dazu. Du weißt doch, ich bin krank”. Die Verzweiflung der jungen Frau war nun offenkundig. Fast tat sie der Kaffeemaschine leid. “Bitte sprich noch einmal mit Mutter” meinte sie abschließend. Nach diesem Gespräch gönnte sie sich eine wohlverdiente Tasse Kaffee, bis das Kind in ihrem Schlafzimmer wie am Spieß zu schreien begann.

Die Frau war dagegen. Nicht um die Welt würde sie sich ein uneheliches Kind ins Haus holen, selbst wenn es ihr eigenes Enkelkind war. Schließlich und endlich war sie eine rechtschaffene, eine christliche Frau. Eine, die mit den Sünden anderer nichts am Hut hatte. Sie wusste jedoch, dass der Mann, der naiverweise ein Herz für Abtrünnige besaß, nicht locker lassen würde. “Ich habe gerade mit Marianne telefoniert”, meinte der Mann. Er schwieg für einen Moment und heftete seinen Blick auf seine Frau, die diesem gekonnt auswich. “Und”? Erwiederte sie. Natürlich wusste sie, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde, doch irgendwo im hintersten Winkel des Hinterkopfes hoffte sie, er würde das Offensichtliche nicht aussprechen, würde das Grauen nicht in Worte fassen. “Sie ist unsere Tochter. Und sie braucht unsere Hilfe. Wir tragen schließlich Mitverantwortung”. “Mitverantwortung”, wollte es verächtlich aus der Frau herausplatzen, doch anstatt ein Wort zu sagen, drehte sie ihrem Mann den Rücken zu, und begann, als gäbe es kein größeres Problem auf dieser Erde als verschmutzte Teller, eifrig mit dem Geschirr zu hantieren. Der Mann ließ nicht locker. “Ich denke, wir sollten Susanna hier aufnehmen.” Die Frau schien einen Moment lang wie gelähmt. Im Bewusstsein, dass es nichts half, ihrem Mann zu widersprechen und vor Wut an die zusätzliche Arbeit, dass dieses Balg zwangsweise erforden würde, denkend, würgte sie den Schwamm in der Spüle, der sich entsetzt fragte, was er denn dafür könnte.